Das Buch “Wurzeln zu Blüten” fasst auf 375 Seiten die schönsten Beiträge des Blogs kleinstadtcarrie.net zusammen. Für alle, die gern in Erinnerungen schwelgen, sich die Fotos wieder ansehen möchten (das Buch enthält nämlich keine) oder gar nicht wissen, was sie in dem Buch erwartet, – für die werden hier monatlich wechselnd Blogposts für kurze Zeit wieder online zur Verfügung stehen.


WEIL DU MICH NIE GANZ, ABER AUCH NIE GAR NICHT WOLLTEST
Mai 2018

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„Es liegt nicht an Dir“, sagst Du.
Es seien die Umstände.
Und dieser Traum, dass wir uns in fünf Jahren wiederbegegnen und ir- gendetwas besser machen werden.
Die Bitte, auf Dich zu warten.
Es ist der 31. Dezember, 0:00 Uhr und Du schreibst mir.

„Küss mich!“, sagst Du. Nur damit wir es danach bereuen.
Hallo, schreibst Du. Nur damit wir drei Tage später den Kontakt – wieder mal – abbrechen können.
Ein herrlich schmerzlicher Abschied.
Unser Rhythmus irgendwie. Doch es hast immer nur du den Ton ange- geben. Und ich habe dabei nicht gemerkt, dass Du auf mehreren Hoch- zeiten gleichzeitig tanzt. Und spielst. Tanzt. Und tanzt. Und küsst. Und ich hatte Schluckauf – und ich hatte so oft Schluckauf.
Weil Du mich nie ganz, aber auch nie gar nicht wolltest.
Also steh ich hier.
Mit ein paar Kilometern Abstand. Aber nicht zu vielen. Ich weiß. Nicht zu viele Menschen zwischen uns. Immer noch in Deinem Adressbuch. Erreichbar. Die Nummer ist jederzeit erreichbar. Auch wenn Du gar nicht willst, dass ich rangehe.
Es scheint, als würden wir beide das Klingeln genießen.
Luft anhalten.
Auflegen.
Schlechte Verbindung.
Ich glaube, Du hast keinen Empfang.
Ich kann Dich nicht verstehen.
Weil Du mich nie ganz, aber auch nie gar nicht wolltest.
Auf Postkarten muss man nicht antworten, deswegen hast Du die im- mer so geliebt. Zuneigung, ohne dass sie erwidert werden muss. Meine Zuneigung, ohne dass Du sie erwidern musst. Die Gewissheit, dass ich da irgendwo bin. Aber nicht wo. Denn meine Postkarten verraten Dir meinen Standort nicht. Ich bin irgendwo. Und wahrscheinlich längst weitergezogen.
Aber irgendwo.
Irgendwo da für Dich.
Aber nicht bei Dir.
Weil Du mich nie ganz, aber auch nie gar nicht wolltest.
Und jetzt bist du selbst dort. Der Briefmarke gefolgt. Wohlwissend, dass ich da war, aber bereits weitergezogen bin. Damit Du meine Spu- ren verfolgen, meinen Duft atmen kannst, mich aber nicht sehen musst. Du legst Dich an meinen angewärmten Platz und genießt die Aussicht auf das dahinsegelnde Schiff.

Weil Du mich nie ganz, aber auch nie gar nicht wolltest.
Du hast mich vor Entscheidungen gestellt, die nicht getroffen werden konnten.
Mir Ultimaten gesetzt, die nicht zu erfüllen waren.
Mich in meine Einzelteile zerlegt.
Du hast mir meine Blütenblätter ausgerissen, um zu prüfen, ob Du mich liebst. Ich lieb dich. Ich lieb Dich nicht.
Damit ich weniger werde.
Du hast Dir das genommen, was Du gerade brauchtest. Meine Hand. Aber nur die linke.
Weil Du mich nie ganz, aber auch nie gar nicht wolltest.

„Umarme mich“, hast Du gehaucht, nur um Dich daraus zu befreien. Meine Texte, aber nicht meine Nachrichten gelesen.
Du hast immer nur einen Fuß in die Küche gesetzt, weil die keine Tür hatte.

Weil Du mich nie ganz, aber auch nie gar nicht wolltest.
Und ich Dich viel zu sehr.
Und dann doch gar nicht.
Also: Weil wir uns nie ganz, aber auch nie gar nicht wollten.
Ich habe Postkarten geschrieben, damit Du nicht antworten kannst. Ich bin so schnell weitergezogen, damit Du meiner Spur nicht folgen kannst.

Hab Dich nur mit einem Arm umarmt.
Habe mich versteckt, aber so, dass Du mich noch immer sehen kannst. Ich habe mich dosiert. Probiert zu dosieren.
Aber: Ich will wieder ganz. Ganz sein. Ganz ich sein.
Also: Könntest Du mir meine linke Hand wiedergeben? Und meine Gedanken. Kannst Du mir die Postkarten zurückschicken? Und bitte nie wieder anrufen?
Denn ich wollte Dich ganz.
Und jetzt: gar nicht.

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